
{"id":8302,"date":"2021-01-15T13:32:37","date_gmt":"2021-01-15T13:32:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.solaga.de\/?p=8302"},"modified":"2021-12-16T21:13:22","modified_gmt":"2021-12-16T21:13:22","slug":"nachhaltige-wirtschaftsweise-kreislaufwirtschaft-circular-economy","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.solaga.de\/en\/2021\/01\/nachhaltige-wirtschaftsweise-kreislaufwirtschaft-circular-economy\/","title":{"rendered":"Nachhaltige Wirtschaftsweise &#8211; Kreislaufwirtschaft &#8211; Circular Economy"},"content":{"rendered":"<p class=\"has-text-align-right\"><em>Von Chantal Bohn<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In der Natur gibt es keinen M\u00fcll. Alles wird wiederverwendet. Wenn ein Tier stirbt, werden die \u00dcberreste von Mikroorganismen abgebaut, wodurch N\u00e4hrstoffe und Mineralien wieder in den Boden gelangen. Dort werden sie vom Wurzelwerk der Pflanzen aufgenommen, welche wiederum die Nahrung f\u00fcr die Tiere produzieren. Stoffkreisl\u00e4ufe sollten f\u00fcr uns also selbstverst\u00e4ndlich sein. Trotzdem werden die meisten Produkte bis heute auf lineare Weise hergestellt: produzieren &#8211; kaufen &#8211; wegwerfen &#8211; vergessen. In den letzten Jahrzehnten wurde jedoch klar, dass diese Wirtschaftsweise keine Zukunft hat. Eine nachhaltige Wirtschaftsweise im Sinne einer Kreislaufwirtschaft k\u00f6nnte eine L\u00f6sung sein. <\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Linearwirtschaft<\/strong>: <strong>Die Wegwerfgesellschaft<\/strong> <\/h2>\n\n\n\n<p>Laut Umweltbundesamt ist Deutschland pro Jahr f\u00fcr 325 bis 350 Millionen Tonnen Abfall verantwortlich. Weltweit sind es 2,12 Milliarden Tonnen. Was damit geschieht, h\u00e4ngt vom Land ab. In den USA landet der Gro\u00dfteil des M\u00fclls auf den Deponien, wo durch die Verrottung Methan (ein potentes Treibhausgas) in die Atmosph\u00e4re gelangt. In Deutschland wird der M\u00fcll haupts\u00e4chlich \u201cenergetisch verwertet\u201d, also verbrannt. Die entstehende W\u00e4rme kann nur noch f\u00fcr Energieerzeugung genutzt werden, wobei immer noch Kohlenstoffdioxid und andere Treibhausgase freigesetzt werden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Den M\u00fcll s\u00e4uberlich zu trennen ist zwar besser, als alle Abf\u00e4lle in einer Tonne zu entsorgen, aber es l\u00f6st das M\u00fcllproblem auch nicht. Denn viele Materialien sind schlecht oder gar nicht recyclebar, weswegen sie letzten endes eben doch in den Verbrennungsanlagen landen. Vor allem Mehrschichtmaterialien, wie sie h\u00e4ufig in Verpackungen verwendet werden, stellen eine Herausforderung f\u00fcr Recyclinganlagen dar, weil sie nicht sortenrein sind. Insgesamt werden laut Angabens des BUNDs nur 17% des deutschen Plastikm\u00fclls nachvollziehbar recycelt. Bei Papier und Glas sind die Recyclingquoten wesentlich besser, aber auch hier behindern chemikalische Zus\u00e4tze und andere Unreinheiten die Weiterverwertung.<\/p>\n\n\n\n<p>L\u00e4nder weltweit stehen deswegen vor der Frage, wie sie ihren M\u00fcll los werden sollen, ohne die Umwelt weiter zu sch\u00e4digen. Hinzu kommen Probleme wie Ressourcenknappheit, hohe Treibhausgasemissionen und der damit verbundene Klimawandel. Einen Ausweg bietet die Kreislaufwirtschaft.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Grunds\u00e4tze der Kreislaufwirtschaft<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Kreislaufwirtschaft ist ein Modell, in welchem Produkte Teil eines Materialzyklus sind und diesem idealerweise endlos wieder zugef\u00fcgt werden k\u00f6nnen. Statt geplanter Obsoleszenz werden Produkte f\u00fcr maximale Lebensdauer designt. Dadurch werden weniger Rohstoffe ben\u00f6tigt und M\u00fcllmengen reduziert.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4hnlich wie in nat\u00fcrlichen Kreisl\u00e4ufen k\u00f6nnen die Produkte nach Ablauf ihrer Lebensdauer in ihre Grundbestandteile zerlegt werden, um als Ausgangsstoff f\u00fcr neue Produkte zu dienen. Hierbei wird generell zwischen zwei Stoffzyklen unterschieden: dem biologischen und dem technischen. Der biologische Zyklus enth\u00e4lt nur organische Stoffe, die der Natur bedenkenlos wieder zugef\u00fchrt werden k\u00f6nnen. Dies kann zum Beispiel \u00fcber Biogas-Anlagen oder Kompostierung passieren. Der technische Zyklus besteht aus Stoffen wie Plastik und Legierungen, die von Menschenhand geschaffen wurden. Jene Stoffe sollen sortenrein getrennt und dadurch immer wieder verwendet werden k\u00f6nnen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Materialzyklen verlassen sich jedoch nicht darauf, dass sich die technischen und chemischen Recyclingm\u00f6glichkeiten verbessern, sondern setzen schon viel fr\u00fcher an &#8211; beim Produktdesign. Abfall wird dabei quasi \u201cherausdesignt\u201d. Wer ein Produkt auf dem Markt anbieten m\u00f6chte, muss sicherstellen, dass es leicht zu reparieren ist und das Material nach dem urspr\u00fcnglichen Gebrauch wiederverwendet werden kann. Die Bestandteile m\u00fcssen leicht voneinander zu trennen sein. Es muss transparent sein, um welches Material es sich handelt und wie es zu entsorgen ist. Hersteller m\u00fcssen untereinander kommunizieren, um ihre Produkte in einem Materialzyklus zu integrieren. Entweder benutzen sie ein Abfallprodukt eines anderen Herstellers oder sie wissen, wer ihre eigenen Abfallprodukte verwerten kann &#8211; optimalerweise beides.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Warum sich dieser Aufwand lohnt, zeigt ein Blick auf die Vorteile.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Vorteile der Kreislaufwirtschaft<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Der offensichtlichste Vorteil der Kreislaufwirtschaft besteht darin, dass weniger Rohstoffe abgebaut werden m\u00fcssen. Dadurch fallen finanzielle und \u00f6kologische Kosten des Abbaus weg. Laut Sch\u00e4tzungen der \u201cEllen MacArthur\u201d-Stiftung w\u00fcrde die EU mit einem zirkul\u00e4ren Wirtschaftsmodell j\u00e4hrlich bis zu 630 Milliarden US-Dollar (etwa 518 Milliarden Euro) an Materialkosten einsparen. Gleichzeitig wird die Rohstoffversorgungssicherheit erh\u00f6ht, weil Wertstoffe nicht ungeachtet entsorgt und Rohstoffquellen geschont werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Weiterverwendung und die hohen Recyclingraten sollen idealerweise daf\u00fcr sorgen, dass au\u00dferdem keine k\u00fcnstlichen Stoffe in die Umwelt gelangen. Das hei\u00dft, keine alten Reifen werden irgendwo im Wald abgeladen und Plastik driftet nicht l\u00e4nger in unsere Weltmeere. Auf die Frage, was mit den 50 Millionen Tonnen Plastikm\u00fcll passiert, die sich bereits in den Ozeanen befinden, gibt es bisher allerdings nur d\u00fcrftige Antworten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Konsumenten kann Kreislaufwirtschaft vor allem weniger Kosten bedeuten, da Produkte auf Langlebigkeit ausgerichtet sind und somit seltener ersetzt werden m\u00fcssen. Au\u00dferdem d\u00fcrften die geringen Materialkosten in vielen Sektoren die Einkaufspreise von Produkten senken. Durch Leasing-Modelle werden Ger\u00e4te zunehmend gemietet, wodurch Verbraucher diese flexibler nutzen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Umsetzun<\/strong>g der Kreislaufwirtschaft<\/h3>\n\n\n\n<p>Es gibt bereits zahlreiche Unternehmen, die beweisen, dass Zirkularit\u00e4t rentabel ist. Die Ans\u00e4tze sind vielf\u00e4ltig, innovativ und meist erstaunlich simpel.<\/p>\n\n\n\n<p>Die chinesische Firma \u201cBroad Sustainable Building\u201d baut Hochh\u00e4user nach dem Lego-Prinzip. Die Baukomponenten werden in einer Fabrik vorgefertigt und m\u00fcssen am Ziel nur noch zusammengesteckt werden. Einerseits reduziert diese Bauweise die Kosten und Bauzeit enorm. Andererseits, und das ist das entscheidende, lassen sich die Geb\u00e4ude wieder in ihre Einzelteile zerlegen, welche dann f\u00fcr andere Projekte zur Verf\u00fcgung stehen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ein anderes Beispiel ist die Firma \u201cBundels\u201d in den Niederlanden, welche kosteng\u00fcnstig Waschmaschinen vermietet. Die Maschinen werden regelm\u00e4\u00dfig gewartet. Mittels Sensoren werden Wasser-, Strom- und Waschmittelverbrauch \u00fcberwacht. So kann sichergestellt werden, dass die Maschinen ihre maximale Lebensdauer erreichen und lange Profit bringen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In Deutschland ist der Werkstoffhersteller Covestro Vorreiter, wenn es um zirkul\u00e4res wirtschaften geht. Mit Cardyon hat die Firma einen Polyol (Ausgangsstoff f\u00fcr Weichschaum in Autoinnenr\u00e4umen und Matratzen) entwickelt, der zu 20% aus Kohlenstoffdioxid besteht. Bei der Produktion werden so gleichzeitig Erd\u00f6l eingespart und CO2 reduziert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Pl\u00e4ne der Bundesregierung<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Mittlerweile steht fest: wer k\u00fcnftig eine wirtschaftliche Rolle spielen m\u00f6chte, denkt zirkul\u00e4r. Weltweit arbeiten Firmen und Staaten an neuen Konzepten, um den Konkurrenten einen Schritt voraus zu sein und sich mit der Nachhaltigkeits-Medaille zu zieren. Die Europ\u00e4ische Union hat zuletzt im M\u00e4rz vergangenen Jahres einen Aktionsplan f\u00fcr Kreislaufwirtschaft vorgestellt, der Europa auf eine gr\u00fcne Zukunft vorbereiten soll.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Um die europ\u00e4ische Richtlinien auch in Deutschland umzusetzen, beschloss die Bundesregierung im Sommer 2020 eine Erweiterung des Kreislaufwirtschaftsgesetzes, welches 2012 in Kraft trat. Darin ist zum Beispiel die ber\u00fchmte M\u00fcllhierarchie verankert, an deren Spitze die M\u00fcllvermeidung steht. Neu sind unter anderem die Erh\u00f6hung der Recyclingquoten, die Obhutspflicht der Produktverantwortlichen und die Verpflichtung zur Abfallberatung. Was f\u00fcr die einen zu viel war, war f\u00fcr andere zu wenig. Vertreter des Handelsverbandes Deutschland und des Deutschen Industrie- und Handelskammertags kritisierten, dass die neuen Regelungen den ohnehin schon geschw\u00e4chten Handel zu sehr beeintr\u00e4chtigten. Andere Lager, darunter der NABU, sind der Meinung, die Erweiterung ginge nicht weit genug.<\/p>\n\n\n\n<p>Deutschland hat gute Voraussetzungen, um der linearen Wirtschaft lebewohl zu sagen,&nbsp; aber wie Eric Rehbock (Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Bunderverbandes f\u00fcr Sekund\u00e4rrohstoffe und Entsorgung) kommentierte, fehle nach wie vor der Wille das Ruder herumzurei\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die H\u00fcrden der Kreislaufwirtschaft<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Viele Gesch\u00e4ftsmodelle basieren auf einer linearen Wirtschaftsweise. Wenn diese Unternehmen \u00fcberleben wollen, m\u00fcssen sie sich nicht nur anpassen, sie m\u00fcssen sich von Grund auf neu erfinden. Lieferketten und Produktion m\u00fcssen transparenter werden &#8211; ein Schritt, zu dem viele Firmen nicht bereit sind. Es ist damit zu rechnen, dass besonders gro\u00dfe Unternehmen ihre Reformation hinausz\u00f6gern und stattdessen an kleinen Produkten schrauben werden, um ihre etablierte Stellung auf dem Markt beizubehalten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Des weiteren bedeutet der geringe Ressourcenverbrauch f\u00fcr Bergbau- und \u00d6lindustrie rund 1 Million weniger Arbeitsstellen, wobei man dies mit den 18 Million neuen Arbeitsstellen aufwiegen kann, welche laut Internationaler Arbeitsorganisation bis 2030 im gr\u00fcnen Sektor entstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Letzten Endes h\u00e4ngt der Erfolg der Kreislaufwirtschaft aber auch von uns ab, den Konsumenten. Langlebigkeiten von Produkten ergibt nur Sinn, wenn wir diese auch lange nutzen bzw. bereit sind, Sachen aus zweiter Hand zu kaufen oder zu leasen. Genauso scheitert selbst der effizienteste Materialzyklus, wenn wir Produkte bei uns zu Hause horten statt sie dem Markt zur\u00fcckzugeben, wenn wir sie nicht mehr ben\u00f6tigen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Wirtschaftsmodell der Zukunft?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>F\u00fcr viele klingt Kreislaufwirtschaft noch eher nach einer Zukunftsvision, als nach einem funktionierenden Wirtschaftssystem. Dabei existieren schon jetzt etliche Firmen, die ihre Rohstoffe aus alten Produkten beziehen und ihnen so ein neues Leben schenken. Die Europ\u00e4ische Union und Deutschland haben die ersten Schritte zur Kreislaufwirtschaft bereits in geltendes Recht umgesetzt. Es geht voran. Vielleicht langsamer als sich Vorreiter erhofft hatten, vielleicht schneller als Kritiker bef\u00fcrchtet hatten. Doch die Richtung ist eindeutig: in der Natur wird alles wiederverwendet, warum also nicht in unserer Wirtschaft?<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Chantal Bohn In der Natur gibt es keinen M\u00fcll. Alles wird wiederverwendet. 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